Mittwoch, 11. September 2024

In Erinnerungen schwelgen

Es ist schon sehr spät und ich sehr müde - mal sehen, was ich vom Tag noch alles zusammen bekomme.

Die Nacht auf der Fähre ist schlaflos. Ich hatte zwar einen reservierten Liegesessel, aber in der Lounge hat einer vermutlich zu viel getrunken - es stinkt ziemlich und der Typ ist auch ziemlich laut. Es gibt ab noch eine zweite Lounge, die fast leer ist. Also ziehe ich erstmal um, mache mich dann auf dem Boden lang weil ich im Sessel Rücken- und Beinschmerzen bekomme. Hilft nichts - ich kann zwar "ruhen" und die Augen schließen, aber Schlaf stellt sich nicht ein. Um 6 Uhr gehe ich dann verzweifelt frühstücken. Kurz vor 8 rollen wir durch einen gepflegten Ort mit schönen Grünanlagen und älteren, verzierten Steinhäusern. Ein komplett anderes Flair als in Skandinavien!

Die aufgehende Sonne und ihr Widerschein von der nassen Straße blenden so sehr, dass ich keine Straßenschilder erkennen kann. Auf gut Glück finden wir aus Ventspils hinaus und landen anscheinend auf der richtigen Straße. Obwohl sie sich "Autobahn" nennt, ist die neue, breite Straße nur zweispurig, führt durch Ortschaften und beseitzt auch manch nette Kurve - also vergleichbar mit einer deutschen Bundesstraße. Sehr überraschend sind Zebrastreifen, die an versteckten Bushaltestellen auf die Fahrbahn gemalt sind. Die meiste Zeit herrscht wenig Verkehr, so dass wir entspannt rollen können. Verfallende Gebäude wechseln sich mit gut gepflegten Anwesen in geräumigem Abstand ab. Wälder, Wiesen, Felder, Seen, Flüsse - eine abwechlungsreiche Landschaft. Ich habe weiterhin die Regenjacke an - gegen den Fahrtwind. Die Überhose spare ich mir, sie macht mich so steif und meine Beine sind durch die Tanktaschen und die Zylinder gut gegen die Straßennässe geschützt.  

Die Lisl hat Durst, sagt sie und dreht mir den Gashahn zu. Bis Riga wird's eng, aber Tankstellen gibt es genug! Auch ich gönne mir etwas - die Cola soll meine Müdigkeit bekämpfen und die Aufmerksamkeit steigern. Zurückgeben kann ich die Pfandflasche nur am Automaten hinterm Haus, der mir einen Coupon ausdruckt. Mit dem bekomme ich aber an der Kasse kein Geld, sondern könnte mir etwas mit 10 ct Rabatt kaufen. Absurd! Die Kassiererin hat keine Lust auf Diskussionen, daher holt sie missmutig aus der Kaffeekasse den Zehner und ich dampfe damit ab.

Gegen 11 Uhr sind wir dann in Riga im Zentrum. Kulturschock! Dichter Verkehr mit Staus, tonnenweise Verkehrsschilder, die man gar nicht alle aufnehmen kann, mehrspurige Straßen, Einbahn- und Sackgassen. Irgendwie landen wir doch in der Nähe eines Zentrums und die Lisl wird in einer (dunklen) Seitenstraße versteckt. Auf einen gebührenpflichtigen Parkplatz fahren wir nicht! Es ist warm geworden, aber ich muss den Tankrucksack schultern und die doppelte Jacke darüber hängen - ganz schön schwer, dieses Paket. Die Füße und Knie schmerzen, ich laufe nicht gerne. Aber ein bisschen Kultur muss schon sein. Über grobes und unebenes Plaster grase ich durch enge Gassen eine Sehenswürdigkeit nach der andern ab. Eigentlich geht es nur um den Gesamteindruck der historischen Gebäude und Kirchen. Vor dem Palast auf der Dina ankert ein Kreuzfahrtschiff, so eine Dreitausend-Seelenverkäufer mit all inclusive. Halt durch, die Karte zeigt noch ein paar Attraktionen. Ich kann nicht mehr - auf einer Bank, die ein Kräuterbeet umrandet schlafe ich in der Sonne neben duftendem Salbei ein. Nicht genug, aber es gibt wieder ein wenig Kraft. 2 altmodische Postkarten sind schnell gefunden, die schweißtreibende Suche nach Briefmarken jedoch kostet mich noch Nerven. Aber auch das ist irgendwann geschafft, jetzt muss ich nur noch die Lisl wiederfinden. Klappt FAST auf Anhieb.

Aus Riga geht's dann noch knapp 20 nach Norden bis zu Alwin und Via. Hier wohnen 3 Generationen unter einem Dach. Mit Alwin bin ich zur Grundschule gegangen, dann haben wir uns nicht mehr gesehen bis 2010 und seither auch nicht mehr. Dementsprechend gibt es viel zu erzählen und zu hören. Vor lauter Reden kommen wir erst gar nicht vom Hof los und als wir schließlich in der Küche sitzen, bleibe wir dort bis tief in die Nacht. Fürstlich werde ich bewirtet! Und auch nach der dritten Verabscheidung mit "Gute Nacht" kommt wieder ein "weißt Du noch?"... Jetzt aber wirklich gute Nacht!

Aber erst noch duschen (ist nötig) und bloggen.

Dienstag, 10. September 2024

Mit dem falschen Fuß aufgestanden?

In meinem jugendlichen Leichtsinn und meiner Unerfahrenheit habe ich völlig außer Acht gelassen, dass es in der Nacht vielleicht auch regnen könnte. Als es kurz vor dem Einschlafen anfängt zu nieseln, sind die Rolläden, ohne auszusteigen, allerdings schnell herunter gelassen. Das Überzelt hängt nun einfach rechts und links neben dem Moskitonetz herunter. Gute Nacht. Als ich um 3 Uhr morgens aufwache, kann ich jedoch die Bescherung sehen: es regnet mittlerweile heftig, Isomatte und Schlafsack sind schon naß. Die Stiefel? Die habe ich zwischen 2 Packsäcken verstaut und dachte, da sind sie geschützt. Sie haben allerdings das eindringende Wasser wie Trichter aufgefangen... Ich muss etwas unternehmen. Im Nachthemd bei strömendem Regen wird zumindest eine Seite des Überzelts mit Hilfe von Gummistrapsern und den beiden Packsäcken etwas nach außen-unten abgespannt. Zum Glück geht kaum Wind. Die Stiefel kommen mit unter das kleine Vordach und werden jetzt mit dem geleerten Falteimer abgeckt. Mehr kann ich nicht tun. Doch - das klatschnasse Nachthemd innen aufhängen und mich wieder in den Schlafsack kuscheln. Mir graut ein bisschen vor der morgigen Etappe und ich beschließe auf jeden Fall, die kürzteste (nicht die kurvigste) Strecke zu nehmen.

Am Morgen sieht es nicht viel besser aus - es regnet weiterhin und auf dem Platz haben sich riesige Pfützen gebildet. Na ja, zumindest von unten ist das Hängezelt ja gegen Nässe geschützt. In der schaukelnden Hängematte klamme Motorradklamotten anziehen ist absolut nicht einfach. Nichts rutscht: der A...nicht in die Hose, die Füße nicht in die Stiefel und die Hände nicht in die Handschuhe. Und auf dem Zelt kleben die Birkenblätter. Ich muss wohl alles klatschnass einpacken (auch die Haare) - nicht gut. Morgentoilette und Frühstück fallen aus. Zum Glück muss ich nicht den ganzen Erdweg zurückfahren - direkt hier am Bahnhof führt ein ganz schamler Asphaltweg unter der Bahnlinie durch zur Hauptstraße. Ob das vielleicht nur eine Fußgänger-Unterführung ist? Egal, die Lisl passt durch!

Bereits um halb Neun sarten wir den heutigen letzten Abschnitt in Schweden. Inzwischen habe ich bei der Navigationsapp auch die gut versteckte Einstellmöglichkeit für "schnell oder kurvig" gefunden und gelernt, wie ich eine Route planen kann. Leider muss ich dazu die vorgeplante Route komplett löschen, aber man kann sie speichern und später wieder hochladen. Bettwärme und die Bewegung beim Packen halten mich lieder nicht sehr lange warm, die Kälte kriecht mir langsam den Rücken hinunter. Durchhalten. Der heftige Regen hat nachgelassen, manchmal nieselt es und manchmal ist einfach nur die Straße nass. Grau in grau, da wird nur gefahren und nicht geguckt. Landwirschaft breitet sich aus, man sieht und riecht es. Zum Aufwärmen suche ich schon eine ganze Zeit lang eine Tankstelle mit shop. Letztendlich kehre ich gegen Mittag in einem Schnellrestaurant ein, gönne mir warmen Kakao und Pommes. Aufwärmen und etwas ausruhen - wir haben schließlich schon 200 km geschafft! Nur, wie und wo ich meine Klamotten trocken bekomme, ist mir noch schleierhaft. Schließlich wird heute Nacht nichts ausgepackt denn da bin ich auf der Fähre.
Die Lisl nimmt das alles mit stoischer Ruhe - mit gleichmäßiges Brummen rollt sie dahin. Selbst als ein LKW etwas knapp vor uns einbiegt und sogleich ein großes Metallteil vom Führerhaus verliert, bremst sie trotz Nässe zuverlässig und umrundet das Teil. Brave Lisl! Ich bin sehr zufrieden mit ihr.

Am Nachmittag wird es trocken, ein Wind kommt auf und die Sonne traut sich auch wieder hervor. Im Speckgürtel um Stockholm müssen wir durch Södertälje. Im Berufsverkehr. Nicht meine Lieblingssituation, aber es könnte schlimmer sein. Wir sind halt verwöhnt von der großen Freiheit im hohen Norden. In der Plattenbausiedlung eines Vororts, lacht mich eine kleine Wiese mit Sitzgarnitur und großen Steinen an - perfket zum trocknen. Zelt, Schlafsack, Klamotten, Packsäcke, alles wird verteilt. Ich komme kaum hinterher mit allem festhalten, so bläst der Wind. Darum ist auch in Windeseile alles trocken. Super! 
Jetzt sind es nur noch knapp 80 km, das Schiff legt um 21:30 Uhr ab, wir haben also massenhaft Zeit. Ich träume davon, in Nynäshamn an einem schönen Platz mit WiFi zu sitzen und schon mal den Blog vorzubereiten. Was daraus wird? Gästeinternet beim Coop und ein streikendes Laptop...schon wieder kein Saft! Oh je, der Miniaturstecker am Ladekabel ist stark verbogen, zerdrückt und eingerissen. Ersatz ist extrem schwer zu bekommen. Ganz in der Nähe ist ein Elektronikladen...einen Versuch ist es ja wert. Sie haben ein Ladegerät mit sogar dem passenden Adapter, aber nur für die Steckdose. Nicht für 12 V. Ich kauf es trotzdem, notfalls muss ich halt an Tankstellen laden gehen.
Vorsichtshalber möchte ich uns jetzt zum Hafen verpflanzen, obwohl wir noch 3 Stunden Zeit haben. Keine schlechte Entscheidung, denn am Hafen angekommen, stelle ich fest, daß wir hier an der falschen Adresse sind. Wo die Stenaline abfährt weiß keiner. Nur Tante Google hat einen Tipp. Noch ca. 5 km dann sind wir am richtigen Kai. Es gibt auch einen Warteraum mit Steckdose, aber schon bald wird der Checkin geöffnet. Danach heißt es vor der Fähre warten, bis wir verladen werden. An den Fähren von Norwegen nach Europa sammeln sich immer Horden von Motorradfahrern, hier ist die Lisl das einzige Zweirad!
So jetzt sind wir an Bord und unterwegs. Ich hoffe, dass ich hier noch Internet habe, um den Blog hochzuladen, sonst gibt es ihn eben erst morgen. Gute Nacht!







Montag, 9. September 2024

Kurviger

Ich habe gestern Nachmittag nach einem kurzen Blick auf das kleine Display des Handies die Überfahrt nach Lettland für Dienstag abend gebucht. Am Abend checke ich die Strecke nochmal und stelle fest, dass ich mich um einen Tag verschätzt habe. Nun gibt es drei Möglichkeiten:
  1) Innerhalb von 24 h stornieren - ja, geht, aber ohne Erstattung der 85 €. Ha ha!
  2) Umbuchen - geht auch. Das Ticket ist dann billiger aber es erscheinen sonderbare Gebühren, die sich insgesamt auf 120 € belaufen. Noch mehr ha ha ha!
  3) Fahren! Und fahren! Ja, dafür entscheide ich mich. Sollte es nicht klappen, muss ich einfach nochmal ein neues Ticket kaufen und das erste als Lehrgeld verfallen lassen.
In Riga habe ich mich  schon verabredet mit einem Klassenkameraden aus der Grundschule. Wir haben uns seither EINmal gesehen, vor 14 Jahren! Vom Fährhafen aus dürfte es nicht weit sein - dachte ich. Das Navi spricht jedoch von 190 km. Na ja, in Anbetracht der Gesamtstrecke ist das doch wirklich ein Katzensprung.

Chris serviert mir eine Tasse Tee. Das Einpacken geht heute schnell, da ich ja für die Nacht im Gästehaus nicht viel auspacken musste. Und auch Frühstück muss ich nicht zubereiten. Die Lisl hat brav und genügsam wieder im Freien vor der Hütte Wache gehalten. Danke, liebe Leute, vielleicht hören oder sehen wir uns ja mal wieder.  Dankbar, ausgeschlafen und schon um 9 Uhr früh sind wir wieder on tour. Ca. 360 km liegen heute vor uns, das wird ein langer Tag. Das Wetter ist diesig aber sonnig, die Fahrbahn streckenweise nass und bei 17 Grad heißt der dresscode heute "leichter Pullover und Regenjacke". Manche prägnante Stelle kommt mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht erinnern, auf welcher meiner Reisen ich schon mal hier gewesen bin. 

Die Landschaft ändert sich, es wird hügelig, zwischen den Waldstücken erstrecken sich nun weitläufige Wiesen und weit verstreute Gehöfte. Auch in den Ortschaften liegen die Häuser weit auseinander, nicht zu vergleichen mit der deutschen Käfighaltung. Nach und nach nimmt wird auch die Landwirtschaft intensiver, Getreide- und Maisfelder sowie Rinderweiden tauchen auf. Mein Blick schweift umher, muss sich aber nach einiger Zeit auf die Straße fokussieren, denn nun haben wir wirklich "kurvige" Strecken gefunden. Einige Kurven sind überraschend lang oder eng und zwingen uns zum nachjustieren. Die Lisl und ich müssen nun gut zusammenarbeiten. Sie darf bei dem auf und ab, rechts und links ihren Hüftschwung ausgiebig präsentieren und sie hat ihren Spaß dabei.
Um die Mittagszeit meldet sich bei mir Hunger - die Lisl will erst heute abend oder morgen gefüttert werden. An einem sonnigen Seeufer gibt es ein Päuschen mit kleiner Mittagsruhe, umd frisch geruht in die zweite Hälfte der Etappe einzusteigen. Mittlerweile folgen wir nicht mehr der empfohlenen Route sondern suchen uns Stück für Stück eher Nebenstraßen aus. Die größeren Straßen sind inzwischen stärker befahren und machen keinen Spaß. Manchmal müssen wir hinter einem "Kinderauto" herzockeln. Hier darf man anscheinend mit 15 oder 16 schon "echte" Autos fahren, die allerdings auf 40 km/h gedrosselt sind. Gekennzeichnet sind sie mit einem großen Warndreieck am Heck und einseitiger Beleuchtung. Lustigerweise sind das häufig extra große Fahrzeuge wie z.B. Pickups, alte Mercedes oder fette BMWs. Echte Verkehrshindernisse!

Der norweegische Sekundenkleber hat meine Trinkflasche zwar heute dicht gehalten, aber die Haltrung war wohl eine zu große Herausforderung.

Unser gesetztes Zeit-und Kilometerziel ist erreicht, höchste Zeit, einen Schlafplatz zu suchen. Zum Glück können wir bald von der Hauptstraße auf eine gute und weniger belebte Nebenstraße abbiegen. Hier ist auch ein See verzeichnet, nur ist leider - wie so oft - ein dichter Waldstreifen zwischen uns und dem Wasser. Da ist etwas angeschrieben an einem guten Erdweg, möglicherweise ein Kunsthandwerker. Auf jeden Fall führt uns der Weg an einem Bauhof vorbei Richtung See. Nochmal abbiegen und dann ist nach Kurzem Ende bei ein paar Häusern. Die Dame, die gerade im Garten ist, kommt gleich zur Gartentür gelaufen, da warten wir natürlich. Im kurzen Gespräch erfährt sie, dass ich aus Deutshland bin und ein bisschen norwegisch spreche, was sie für schwedisch gehalten hat. Dafür weist sie uns den Weg zum Bade-und Bootsplatz nur wenige 100 m weiter.

Es ist ein schöner Platz, eben, mit Sitzgarnituren, Bootsstegen und Hängemattengeeigneten Bäumen. Hinter mir stehen noch ein paar Gewerbegebäude und ca. jede halbe Stunde ertönt ein Schlulhofklingelton und eine Stimme verkündet irgendwas. Dann rauscht ein Zug durch. Die Wellen plätschern, die Boote klopfen rythmisch gegeneinander und die Stege klatschen bei Wind und Wellen auf's Wasser. Akkustisch wird die Nacht sicher interessant.
Zum Schreiben möchte ich die Sitzbank auf einem 10 m langen Steg benutzen. Kaum ist das Laptop aufgeklappt, schon wird mir leicht mulmig vom tanzen des Stegs. Selbst das Laptop versagt den Dienst! Warum? Es wurde doch die ganze Nacht geladen? Scheint trotzdem leer zu sein und die Lisl muss Starthilfe geben. Na gut, dann kuscheln wir halt alle zusammen umd die Sitzbank am Ufer.

20 Uhr: Angriff der Schnaken. Müde...

Sonntag, 8. September 2024

Lauter nette Leute

Kleiner Nachtrag zu gestern: Punkt 20 Uhr erfolgt der Angriff der Stechmücken, da ziehe ich mich lieber zurück hinter das Moskitonetz. Draußen dürfen sie gerne surren, nur muss ich lernen, dass ich nicht um mich schlagen muss, da die Viecher ja nur draußen Terror machen.

Morgenchaos - bis alle Aktivitäten parallel und bruchstückweise abgeschlossen sind und tatsächlich alles wieder verstaut ist. Nix vergessen - ein letzter Blick. Der Wetterbericht versrpicht nicht ganz so warme Temperaturen, darum wird wieder auf die Dauenjacke zurückgegriffen. Auf der guten Schotterstraße geht es am Seeufer entlang weiter. Gallejaur scheint ein Museumsdorf zu sein. Auf jeden Fall stehen hier einige sehr alte Blockhäuser und -scheunen, das Heu ist traditionell über Trockengestellen aufgehängt und an der Einfahrt neben dem Schafsgehege steht eine große Milchkanne abholbereit. Ich bezweifle, ob die tatsächlich gefüllt ist. Kurz dahinter finden sich noch 1 oder 2 Häuser neueren Datums und ein Schild, dass hier die öffentliche Straße endet. Ein Holzstoß verbreitet den Duft von frisch geschlagenem Holz - ach, liebe ich diesen Geruch so sehr! Wir fahren einfach weiter auf dem Privatweg, der nach ca. 5 km wieder auf die Hauptstraße trifft. Die etwas rauhere Gangart auf diesem Abschnitt ist gut zum wachwerden, sowohl für die Lisl als auch für mich.

Nun sind wir wieder auf einer der gut ausgebauten schwedischen Asphaltstraßen mit wenig Verkehr. Der Wald hat uns wieder! Zumindest dort, wo er nicht großflächig durch Brand oder Rodung zunichte gemacht wurde. Norsjövallen - hier ist ein Capingplatz ausgeschrieben und (ich weiß nicht warum) ich beschließe, meinen Wasservorrat dort aufzufüllen. Auch wenn ich dafür ca. 1 km von der Route abzweigen muss. Es hat sich gelohnt! Ein herrliches Plätzchen mit Sitzgarnituren zwischen lichten Kiefern auf einer Insel...aber nein, das ist nur der örtliche Park. Der Campingplatz kommt gleich im Anschluss. Vorsichtshalber will ich mal fragen, bevor ich mich einfach irgendwo bediene. Eine Frau spricht mich auf englisch an, ob sie helfen könnte - ja, sie arabeitet hier. Sie ist sher freundlich und hilfsbereit und natürlich darf ich meinen Kanister hier auffüllen. Es entwickelt sich ein nettes Gespräch über den Betrieb von Campingplätzen, Tourismus und Einkommmen. Sie lädt mich ein, noch eine Rundtour über den Campingplatz zu fahren, was wir gerne annehmen. Ein fröhliches Winken zum Abschied.

Plötzlich ein Wetterphänomen: strahlend blauer Himmel, keine Wolke weit und breit und Regentropfen treffen mich im Gesicht?? Wie kann das sein? Erst ca. 60 km später wird es grau und leichter Nieselregen setzt ein. Eigentlich habe ich keine Lust auf Regenklamotten, aber viele kleine Tropfen machen eben auch nass, also verpacke ich mich und Lisls Tankrucksack. Es bleibt zum Glück bei "erhöhter Luftfeuchtigkeit" und artet nicht in stärkeren Regen aus.

Eigentlich wollte ich irgendwo freies WiFi erwischen, um ein bisschen zu studieren und nach der Fähre nach Lettland zu schauen. Also kehre ich in Junsele bei der nächsten Tankstelle mit angegliedertem Laden ein. Sieht gut aus, haben auch Sitzplätze und Steckdosen und leckere Mandelschnecken. Aber leider (noch) kein Internet - das kommt erst in einem halben Jahr. Ok, dann sehen wir uns in 6 Monaten wieder. Die Verkäuferin lacht und schickt mich zum Supermarkt, die hätten freies Gästeninternet. Nur etwa 100 m weiter ist der Laden mit einer Sitzgarnitur vor der Tür - perfekt. Kaum hab ich das Laptop ausgepackt, parkt ein Auto mit deutschem Kennzeichen neben mir ein. Der junge Mann mit kleiner Tochter kommt direkt auf mich zu - er ordnet die Nationalität sofort richtig zu. Aus einem "hallo" wird ein längeres Gespräch mit Einladung zum Kaffee. Während die beiden einkaufen, überlege ich und sage dann gerne zu. Aus dem Kaffee wird ein Tee, aus dem jungen Mann wird Chris, aus der Tochter Mailin und dann gibt es noch die nette Mama Julie und den kleinen Bruder Finn. Und ein paar Hunde. Und viele Geschichten aus jedem Leben. Die Einladung dehnt sich auf ein Abendessen aus und ich lade mich dann zum übernachten in das Gästehaus ein. Bei einbrechender Dunkelheit zünden Chris und Mailin ein kleines Lagerfeuer an und wir sitzen alle unter dem romantischen Sternenhimmel, während Mailin ihre sportlichen Künste vorführt. Eine sehr nette Familie mit spannenden Lebenserfahrungen und -träumen.

Streckendatei hochladen? Geht heute überhaupt nicht! Zumindest nicht am Spätnachmittag. In der Nacht funktioniert es dann doch noch und auch die missglückte Streckendatei von gestern funktioniert jetzt endlich. Und der Sekundenkleber musste heute zeigen, was er kann: die Halterung für die Lenkerflasche wird geklebt und auch die Flasche selbst, die jetzt nach gut 30 Jahren bereits nach und nach brüchig und undicht wird....mal schauen, wie lange das gut geht.



Samstag, 7. September 2024

Südwärts

"Winter" ist nicht mehr - "im Süden" schon. Die Nacht war mild, aber die Feuchtigkeit vom Fluss schlägt sich natürlich überall nieder. Dennoch hatte ich das Überzelt nicht benutzt. Bis die Räder rollen wird es anscheinend immer 10 Uhr - 2 Stunden benötigen Morgentoilette, Tee kochen / Frühstück und Einpacken. Der Boden unter der Lisl ist trocken und sauber - sie verliert wirklich kein Öl mehr! Wenn sie jedoch weder zu irgendwelchen Dichtungen noch an Schrauben trielen kann, dann möchte sie wohl ihr Öl anders loswerden? Zum Start qualmt sie 2 oder 3 dicke Ölwolken in die Landschaft - na ja, das kommt vom Schrägstand auf dem Seitenständer. Da läuft etwas Öl in den Zylinder.

"Biltema" - mein erstes Ziel liegt im Industrie- und Handelsgebiet in meiner Richtung, d.h. wir müssen nicht in die Stadt hinein fahren. Allerdings kommen wir nicht umhin, ein Stück Autobahn zu fahren. Es ist ein riesiger Laden und ich bekomme zumindest das Wichtigste. Ein paar hundert Meter weite lockt der Coop. An der Bäckerei-Eckekomme ich nie vorbei, egal ob hungrig oder nicht. Ein paar Semmeln und Süßzeug wandern in den Einkaufskorb - schließlich habe ich ja noch Wurst dabei, die bald weg muss.
Verschwitzt wie ich bin, stecke ich den Pullover in den Tankrucksack und fröstle dafür im Fahrtwind. Sobald ich jedoch getrocknet bin, sind 25 Grad eine angenehme Reisetemperatur. Noch ein kleines Stück Autobahn muss die Lisl unter die Räder nehmen, dann rollen wir bei mäßigem Verkehr auf einer breiten Asphaltstraße wieder ins Landesinnere. Wenn wir gelegentlich überholen müssen, zeigt die Lisl fröhlich, welchen Dampf sie noch bereit hält.


Bis auf etwa 400 m steigt die Straße Richtung Arvidsjaur durch lichte Wälder mit sandigen Böden und verstreuten Felsblöcken. Abgesehen von den breiten Flüssen und ausgedehnten Seen, tauchen jetzt auch immer wieder saftige Wiesen auf. Manchmal lugt auch ein Gehöft oder eine kleine Ansiedlung mit den üblich rot-weißen Häusern und einem perfekt gepflegten giftgrünen Rasen zwischen den Bäumen durch. kleine Rentiergrüppchen verziehen sich in den Wald, sobald wir uns nähern. Die haben hier ein dunkelbraunes Fell - ich habe bisher nur graue Rentiere gesehen.

Die Halterung für meine Lenkerflasche sitzt nicht mehr fest, darum muss ich einen neuen Platz für die Flasche finden. Nach dreimaligem Lisl-umrunden wird sie auf dem Werkzeugkoffer festgeschnallt, wo sie leider ohne abzusteigen nicht erreichbar ist. Ein Hiinweis auf das Naturreservat Gallejaur lockt uns, trotz kleinem Umweg, auf (natürlich) eine Schotterpiste. Schon sehr bald werden wir mit einem herrlichen Platz am See, mit Sitzgarnitur und Feuerstelle belohnt. Es ist zwar noch sehr früh, aber die Mindest-Tages-Etappe von 200 km haben wir schon erfüllt.

Um 16 Uhr ist das Bett bereits gemacht. Die Bäume stehen in passendem Abstand direkt am Ufer und ein bisschen abseits - falls noch mehr Camper kommen. Ich muss auch heute diverse Befestigungsarten ausprobieren, bis ich einigermaßen zufrieden bin. Ich lerne noch.

Nun kann ich mich an's Laptop setzen, Blog schreiben und ein bisschen lernen. Mitten auf dem See schreit herzerweichend eine einsame Gans.




Freitag, 6. September 2024

Meditativ

Die Nacht war kalt - 5 Grad, sagt die Lisl. Kein Wunder, ich habe nicht so gut geschlafen. Oder ist vielleicht die Schlafart daran schuld? Ich habe gelernt, auf 40 oder 50 cm schmalen Isomatten zu schlafen, aber wenn man da runterfällt wird's halt nur kalt. Hier muß ich meinen Schwerpunkt schön in der Mitte halten, sonst kippt die ganze Schose. Rausfallen kann ich zwar nicht solange das Moskitonetz geschlossen ist, aber ich rutsche halt. Ist wohl auch ein Lernprozess.
Kurz nach 8 Uhr wache ich auf, von den Zeltwänden trieft das Kondenswasser, über'm See liegt dichter Nebel. Eine Stunde später verzieht er sich langsam und läßt die kräftig wärmende Sonne durch. Dennoch ist die Luft weiterhin kalt.


Tiefenentspannt rollen wir mit ca. 90 km/h auf der guten Asphaltsraße bei fast keinem Verkehr bis Galliväre. Es ist eine fast meditative Reise durch Fichten- und Birkenwälder, Flüsse, Seen, Moore und Pfützen. Auf dem nächsten Abschnitt gibt es ein bisschen mehr Verkehr und wir hängen hinter einem LKW fest. Die langezogenen Kurven sind eigentlich gar keine Kurven sondern nur kleine Richtungsänderungen der Straße, aber sie verseperren den Blick auf lange Strecke. Der LKW fährt zwar etwa mein Tempo, aber er versperrt die freie Sicht und wirbelt uns Staub und Steichen um die Ohren. Zum Glück zweigt meine Route schon bald ab. Meine Navigations-App "Kurviger" gibt sich große  Mühe und findet auf der schmalen Asphaltstraße tatsächlich ein paar Kurven. Kiefernduft!

Nächste Abzweigung - oh, eine Erd- bzw. Schotterstraße? Das war zwar nicht geplant, aber solange sie nicht zu wild wird, nehmen wir sie gern in Kauf. Allerdings lassen wir schnell noch den LKW durch, der uns ganz schön scheucht. Wir warten einige Minuten, bis sich die Staubsolke verzogen hat, dann haben wir unsere Ruhe. Festgefahrene Erde, ab und zu Kies oder Sand und auf jeden Fall Schlaglöcher! Aus ist's mit meditieren, hier müssen wir gut aufpassen, Fahrbahn lesen. Unendliche Zebrastreifen bilden die Schatten des lichten Waldes auf der Fahrbahn. Das macht es unmöglich, die Schlaglöcher zu erkennen - ausbaden darf das jetzt die Lisl. Sie macht das gut. Der Boden ist hier fest bis sandig, Felsblöcke liegen verstreut in der Landschaft. An einer Abzeigung ist mein Navi überfordert - eine der Straßen kennt es gar nicht. Also fragen wir mal Tante Google - aber die ist dumm ohne das Universum. Und das sendet hier leider nicht. Tja, dann eben raten - passt. 

Nach ca. 60 km haben wir wieder Asphalt unter den Rädern. Auf den letztn Kilometern hat frischer Schotter das Fahren ziemlich anstrengend gemacht. In einem kleinen Ort ist ein Parkplatz für einen Naturpark ausgeschildert. Hier gibt's auch ein Cafe und Sitzgarnituren auf dem Rasen. Das Cafe scheint jedoch geschlossen zu sein - ist nicht schlimm, denn auf diese Weise kann ich einen Teil meines restlichen Kühlschrankinhalts reduzieren. 8(!) hartgekochte Eier musste ich z.B. mitnehmen. Die Mittagspause wird ziemlich lang, ich lerne noch ein bisschen und genieße die 24 Grad Wärme. Aber dann werde ich schlagartig müde - man wird halt alt. Bis Luleå werden wir heute nicht mehr fahren beschließe ich. Lieber morgen in aller Frische. Ich brauche noch ein paar Kleinigkeiten in meinen Reparaturkoffer.

Im nächsten Ort gibt es eine Tankstelle - die Lisl bekommt frischen Sprit und ich eine Cola und ein Softeis. Eigentlich möchte ich die Route auf der anderen Seite des Flusses nehmen, aber die freundliche Dame an der Kasse rät mir heftig davon ab - die Straße ist in miserablem Zustand und geschottert. "Miserabel" liegt ja im Auge des Betrachters, aber für heute hatten wir genug Schotter. Kraft und Konzentration lassen zu wünschen übrig und man muss sein Glück ja nicht herausfordern. Leider entwickelt sich das gemütliche Sträßchen ab der nächsten Ortschaft zur Autobahn, da wird es besonders schwer, einen Nachtplatz zu finden. Eine Chance gibt es noch ca. 20 km vor Luleå: es sieht so aus, als ob eine Nebenstraße über den Fluss führt und oft kann man bei den Brücken ein geeignetes Plätzchen finden. Es gibt allerdings keine Brücke sondern eine Fähre, aber die Strategie war trotzdem gut. In der Nähe gibt es einen geschotterten Platz zum Einsetzen von Booten und direkt dabei einen lichten Wald. Leider für die Hängematte ungeeignet, da zum einen die Bäume zu weit auseinander stehen und zum anderen der Untergrund so tückisch ist, dass man gar nicht bis zu den Bäumen hingelangt. Also gibt es heute die "Zelt"-Premiere.

Gegen 20 Uhr sitze ich schließlich im Zelt-Büro und schreiben den Blog. "No risk no fun" war mein Slogan, als ich entschied, nur das Hängemattenzelt mitzunehmen. Die Nutzung als Hängematte hatte ich zu Hause ausprobiert, aber von der Zeltfunktion lasse ich mich heute überraschen. Na ja, bissle "fun" ist es schon - so ganz ausgreift ist die Zeltfunktion nicht. Der Firstgurt hängt stark durch und die Gesamthöhe läßt sehr zu wünschen übrig. Drin sitzen kann man nicht wirklich - da wird das Schreiben am Laptop zur Tortur. Aber muß ja...
















Donnerstag, 5. September 2024

3-2-1 los geht's!

In den letzten Tagen hab ich dann doch Stück für Stück die Lisl beladen. Eine lange Liste, was ich mitnehmen will, was nicht und was ich noch alles tun muss, um meinen Wohnort "einzuwintern" wird abgearbeitet. Der Erdhügel, den ich seit Jahren in der Einfahrt liegen habe, ist nun endlich gesiebt, in den Unebenheiten auf dem Grundstück verteilt und mit Gras angesät. Wachse gut!
Vor allem der Kühlschrank ist einfach noch viel zu voll. Es gibt noch ein paar opulente Abschiedsmahlzeiten, aber alles werde ich nicht los. Also suche ich nach Abnehmern. Meine deutschen Freunde aus Tårstad fahren brechen am Samstag auf und haben das gleiche Problem. Also finde ich in Greta und Calvin Abnehmer. Sie kommen am Abend sogar selbst vorbei - sie wollten sich sowieso noch gerne von mir verabschieden. Ein netter Abend!

Der abendliche Regen hat bis zum Morgen aufgehört - nun muss ich noch die Toilette leeren, Wasser und Strom abstellen und alles abschließen. Kiruna ist etwa mein Tagesziel. Kurz dahinter soll es einen schönen kleinen Ort etwas abseits der Straße geben  - Tip von Greta.
Es bläst ein unerwartet kalter Wind, da muss ich meine Klamotten wohl etwas umbauen. Die Temperatur schwankt um die 15 Grad aber Lisls Griffheizung tut gute Dienste. Diesmal habe ich keinen warmen Fleece-Pullover dabei (nur einen dünnen), denn ich setze auf eine Daunenjacke. Die kann man sehr klein packen, beim Nicht-Motorradfahren gut nutzen und auch unter der Motorradjacke hält sie mehr Wind ab als ein Pullover. Neue Taktik.

Bis die letzten Einwinterungsarbeiten erledigt sind und wir "on the road" sind, wird es 10:30. Die frische Brise stärkt uns den Rücken und treibt graue Wolken vor sich her, die an den hohen Bergen hängen bleiben. Sind das ein paar Regentröpfchen in Bogen, der nassen Ecke? Ach ne, das ist nur hohe Luftfeuchtigkeit. Kein Grund, auf Regen umzusatteln. Ein Motorradfahrergruß gilt Nils, meinem Busfahrer, der mit Rasenmähen beschäftigt ist. Wir sehen uns nächstes Jahr wieder!
Meine Augen tränen und müssen sich erst wieder an den Fahrtwind gewöhnen, da ich ohne Visier und Motorradbrille fahre. In den Ohren knattert der Wind - morgen werde ich vielleicht wieder Ohrenstöpsel benutzen.
Meine Gedanken hängen noch zurück und grübeln darüber nach, was ich wohl alles vergessen habe zu erledigen oder mitzunehmen. Sicher hab ich irgendwas vergessen! Nach dem Auftanken führt uns die König-Olav-Straße hinauf aufs Björnfjell zur Reichsgrenze. Die Gedanken sind jetzt bei mir und der Lisl angekommen - spürt mein Sitzfleisch da nicht ein leichtes Pendeln der Lisl? Ist sie zu schwer beladen? Altersschwach? Oder fehlt ihr sonst was? Aber nein - alles gut. Sie freut sich auf die Kurven entlang des Fjords und bergauf. Gestern hat mich Calvin gefragt, ob ich in den Kurven lenken müßte - hm. Das macht die Lisl tatsächlich von ganz alleine! Sie neigt sich fröhlich mal nach rechts, mal nach links, ganz nach Bedarf. Das nenn ich "autonomes Fahren"! Der Ausblick ins Tal ist wunderschön. Ich würde gerne noch ein Foto vom Ende des Ofotfjordes machen aber genau dort, wo man anhalten kann, versperren hohe Bäume die direkte Sicht. Oh - da ist ein großer Parkplatz mit einer Schneise im Wald...aber genau dorthin haben dumme Menschen eine riesige Werbetafel gestellt, die die beste Aussicht versperrt.

In Schweden ist der Herbst schon eingekehrt. Licht und Schatten zaubern herrliche Farbspiele von dunkel- und hellgrün über gelb und orange bis hin zu feuerrot in die Landschaft. Ich erwische eine Nase voll Kiefernduft! Dieses herrliche Gefühl erinnert mich an meine allererste Norwegenreise (1986?). Damals war ich mit einer Yamaha XV 750, einem Softchopper unterwegs. Die Farbenpracht des Indian summer in Lappland hat mich damals schon tief beeindruckt. Meine Mutter hat immer von einer Reise hierher geträumt - leider war ihr es nicht vergönnt.
Die Natur holt sich sehr schnell zurück, was ihr vor 2 oder 3 Jahren durch einen großflächigen Waldbrand genommen wurde - die Nachwuchsbirken sind schon wieder gut 1 m hoch. Sie verdecken die Brandnarben, aber die kahlen Stämme der verbrannte Bäume ragen immer noch daürber hinweg. Ich bin wieder auf Reisen, ganz dabei mit allen Sinnen und ein Lächeln zaubert sich auf mein Gesicht.

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Die Straße nach Kiruna ist wenig befahren. Meist unsichtbar begleitet uns die Eisenbahnlinie, die seit etwa 100 Jahren Erz von Kiruna nach Narvik, dem einzigen eisfreien Hafen in Nordnorwegen, befördert. Genau darum war Narvik im 2.Weltkrieg auch so hart umkämpft. Ich habe mir vorgenommen, Kiruna näher zu bsichtigen, aber da gibt's nix zu sehen. Wohnsiedlungen verschiedenen Alters, kein Stadtkern. Das Highlight der Sadt - eine Kirche - ist von einem Bauzaun umgeben und wird wohl gerade abgebaggerst. Immerhin gibt's jede Menge große Straßen, Kreisel und Umgehungssraßen. Um ehrlich zu sein - hhier wollte ich nicht wohnen. Allerdings ist man schnell wieder an der "Stadt"grenze und mitten in der Natur. An einer Tankstelle lädt eine Sitzgarnitur zur Mittagspause ein. Erst beim Absteigen merke ich, wie steif die Gelenke geworden sind.... In einer Apotheke bekomme ich was ich suche - sogar ein Drittel billiger als in Norwegen. Auch das Benzin ist ca. 30 Cent billiger.

Nun sitze ich in meinem neuen Hängemattenzelt, habe die Mücken ausgesperrt und lasse mich von späten, tiefen Sonnenstrahlen noch ein wenig blenden. Ein sehr schönes Abendlicht. Es hat doch ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen, ein passendes Plätzchen zu finden, die einzelnen Ausrüstungsteile zusammenzusuchen, die Hängematte aufzuhängen und den Rest des Equipments regensicher zu verstauen. Die Staumöglichkeiten für das Tarp, also das Überzelt erscheinen mir auch noch nicht optimal. Die neue Art des Campings ist halt schon ganz anders, es gibt sicher noch einiges zu entwickeln  und ich habe lange nicht so viel Platz "drinnen" wie in meinem bewährten Zelt. 

Ich habe das Gefühl, im neuen Lebensabschnitt "Rentner" ändert sich mehr als nur Alltag und Einkommen....