Mittwoch, 18. September 2024

Paralleluniversum "Sträßle"

Kurz vor acht wacht die Baustelle leise auf. Ich bin schon eine Zeitlang wach, kuschle aber noch im warmen Schlafsack. Gestern abend hat sich auf dem Platz noch die männliche Dorfjugend versammelt, aber sie waren erstaunlich leise und haben sich von mir fern gehalten. Wir haben eine gute Wahl getroffen, zeigt sich im weiteren Streckenverlauf - es zeigt sich kein geeigneter Platz mehr. Lisls Auspuff ist leise, dafür hat meine Brille einen Nasenbügel verloren. Tja, wir werden eben alle altersschwach.

Straßensperre? Einfach ignorieren. Beim 4. Sperrschild geht's dann anscheinend wirklich nicht mehr weiter. Die ganze Straße im gesamten Dorf ist aufgerissen. Aber was machen die Einheimischen? Na ja, das können wir auch - auf der Trasse geht's mitten durch. Eine Alternative hätte es sowieso nicht gegeben. Nun landen wir auf einer großen Schnellstraße, die parallel zur Autobahn verläuft. Daher hält sich der Verkehr zum Glück in Grenzen. Nackte Wände eines Abrisshauses recken sich in die Höhe - über der Eingangstühr steht groß "Eden".

In Zagan gibt es hoffentlich einen Supermarkt; auf den ganzen Minidörfen, die wir passieren gibt es ja keine Versorgungsmöglichkeit. Wir müssen mitten durch die Stadt und über den Fluss Bober. Auf der anderen Flussseite gibt es einige Suüermärkte. Aber als wir an die Brücke kommen, ist sie gesperrt. Sieht aus wie ein Volksfest: viele Schaulustige, blinkende Lichter. Leider scheint es keinen anderen Weg über den Fluß zu geben, also halte ich ratlos an der Sperrung und studiere das Navi. Ein Soldat kommt auf mich zu und erklärt mir, dass die Brückensperrung dem Hochwasser auf der anderen Seite geschuldet ist. Er kennt sich hier nicht aus. Schließlich finden wir eine große Umgehungsstraße und versuchen unser Glück dort - die Straße verläuft auf einem Damm, das Wasser steht rechts und links davon "Oberkante Unterlippe". Menschen füllen Sandsäcke und stapeln sie auf. Militär-LKW in Begleitung von Polizei-Motorrädern rücken an. Wir sind drüben! Ich hoffe, daß wir damit die letzte Hürde aller Fluten genommen haben.

Manchmal müssen wir auf großen Straßen - so wie heute Vormittag - mit dem Verkehr schwimmen, aber dann tut sich zum Glück immer wieder ein Schlupfloch in das Paralleluniversum der Ministräßchen auf. Kühle Wälder säumen schmale Wege. Der Untergrund besteht vermutlich meist aus altem Pflaster - manchmal eiern wir direkt darauf herum, manchmal lugt es unter abgefrästem Asphalt hervor. Hält auf jeden Fall länger als die modernen Asphaltstraßen. Ich hoffe, auch in Deutschland können wir im Paralleluniversum weitertingeln.

15:00 Polnisch-deutsche Grenze. Nochmal günstig tanken! Die Völker-oder besser Autowanderung findet hier nach Osten statt (zum tanken und einkaufen). Die Straßenführung ist auf der deutschen Seite auf jeden Fall deutlich motorradfreundlicher. Auch wenn es eben ist, gibt es nicht "kerzengerade - 90 Grad", nein hier schlängeln sich gute Asphaltstraßen in motorradgerechtem Kurvenstil durch die Landschaft. Herrlich!

Es ist heiß. Das Wetter: morgens sonnig und kühl, abends sonnig und schwül! Und dann ab zu meinem alten Kumpel Bunge, wo ich mich für eine Übernachtung eingeladen habe. Wir haben schon einige Abentuer mit dem Motorrad zusammen erlebt! Die letzten Meter zu seinem Haus sind eine echte Herausforderung: von allen Seiten treffen wir auf Sperrschilder und Straßensperrungen wegen Baustelle. Durch's Hintertürle kommen wir dann doch noch an. Der nagelneue Grill wird extra für mich gestartet und ich werde fürstlich bewirtet. Am allerschönsten sind die vielen "weißt Du noch?". Was der Eine vergessen hat, weiß der Andere noch und umgekehrt. Ich glaube, wir sind alt geworden, wenn man von den Erinnerungen lebt. Es wird sehr spät aber eigentlich gäbe es noch sooo viel "weißt Du noch"...

Dienstag, 17. September 2024

Häschen hüpf!

Heute ist irgendwie der Wurm drin. In der Nacht schon läuft irgendetwas schief im Magen, gegen Morgen wird es unangenehm kalt, so daß ich lieber im warmen Schlafsack liegen bleibe so lange es geht. Auch im Lauf des Tages steigt der Energiepegel nicht wirklich an.
Noch nicht richtig losgelegt und schon haben wir einen Waldweg unter den Rädern, der bleibt aber heute unsere einzige unbefestigte Straße. Wobei dieser vermutlich besser befahrbar ist, als die meisten Schlaglochwege, die uns heute noch erwarten. Rote Schilder am Waldrand warnen wortreich vor irgendeiner Gefahr...Militärgebiet? Jagd? Bären? Man weiß es nicht, wenn man kein polnisch kann.

Die Lisl schluckt alle Wellen und Löcher klaglos, sie hüpft wie ein Hase über die Straßen. Allerdings macht sie ihrem Unmut Luft, indem sie besonders bei niedrigen Drehzahlen laut faucht. Bei Ortsdurchfahrten geniere ich mich richtig. Darum werde ich heute nochmal nachschauen müssen, was ihr fehlt. Ja, es ist wieder das Loch im Auspuff, das ich in Norwegen schon geflickt habe. Das war ja aber nur das Symptom, da ich die Ursache nicht behoben hatte, ist es kein Wunder, daß das Loch wieder da ist. An einer Tanke lädt das Laptop, während ich mich um Lisls Geräuschpegel kümmere. Hitzefestes Kaltmetall habe ich dabei, aber der Hauptständer schlägt an den Asupuff, weil vermutlich ein Gummianschlag abgenutzt ist. Mit einer Schraube als Distanzstück kontere ich - mal schauen, wie lange meine Lösung hilft.

"Kurvig" heißt heute, ca. alle 5 km mal wieder abbiegen. Oder meinte das Navi "kurvig" vertikal? Die Schlaglöcher sind riesig und sehr tief, geflickte Straßenschäden heben mich aus dem Sattel und manch glatte Straßenbelag weist unsichtbare Wellen auf. Woran liegt das nur, daß wir heute so "schlechte" Straßen erleben? Ich hab die Routeneinstellung um 2 Stufen kurviger gestellt von "schnell und kurvig" auf "extra kurvig" - ah so!


Wie ist Polen? An jeder zweiten Ecke steht eine Maria oder hängt ein Jesus herum. Mit bunten Bändern geschmückt sehen sie aus der Ferne manchmal aus wie eine Rakete. Benzin und Lebensmittel sind sehr billig, das Land ist flach und weit. Mir fehlen die Berge und das Meer. Die Dörfer sind langgestreckt, die Häuser stehen sehr weit auseinander - man hat ja Platz. Einen typischen Baustil kann ich nicht feststellen - von alten prunkvoll verzierten Ziegelbauten über alte Holzhütten und kleine Häuschen mittleren Alters bis hin zu modernen Villen ist alles zu finden.

Je weiter westlich wir kommen, um so feuchter wird es: Pfützen überall, überschwemmte Äcker, über die Ufer getretene Bäche, Tümpel, wo gar keine sind, ausgespülte Feldwege und Schlamm auf den Straßen - auch hier hat das Unwetter schlimm gewütet! Meine Hängemattenstrategie ist für diese Tour vermutlich die richtige Wahl. Menschengemachter Klimawandel? Ja, das könnte sogar sein, aber nicht so, wie man uns erzählt, daß es an unserer Mobilität (Autos Flugzeuge usw.) liegt, sondern an den für Windräder gerodeten Wäldern, für Sonnenkollektoren verödeten Grünflächen, an Wetterexperimenten wie Chemtrails und HAARP. Was stellen wir (Menschen) nur mit unserem Planeten an?

Gerade mal 200 km geschafft, noch nicht ganz fünf Uhr, aber wir hören für heute auf. Es wird schwierig werden mit einem optimalen Nachtplatz, daher nehmen wir mit einer Baustelle vorlieb. Genauer gesagt: ein kleiner Park im Ort am Waldrand. An der Straße werden gerade neue Leitungen verlegt, aber jetzt ist schon Feierabend. Vermutlich geht'smorgen sehr früh los, aber damit muss ich leben. Dafür ist es ein schöner Platz mit Bänkchen und Tisch. Die Bäume stehen leider zu nah zusammen oder zu weit auseinander. Den Abstand kann man überbrücken, was aber zur Folge hat, daß die Matte weit absinkt (aber immer noch über dem nassen Boden bleibt). Immerhin ist unser Lager von Weitem nur schwwer erkennbar, vielleicht haben wir dann Ruhe? Mücken und Schnaken hat es im Überfluss aber das wird hier in der Gegend überall so sein - Hochwasser ist gut für Mückenzucht! Als es mir zu schlimm wird, verziehe ich mich hinter das Moskitonetz. Gute Nacht!



Montag, 16. September 2024

Sozia?

 Es war absolut ruhig in der Pension. Wie verabredet serviert Renata um 8:30 Uhr das Frühstück. Allerdings nicht wie verabredet, akzeptiert sie nicht, dass ich dafür bezahle! Möchte ich aber. Sie hat eine andere Idee: ein Foto von mir mit der abenteuerichen Lisl, das sie im Internet posten darf. Aber ja, das ist ein guter Deal!

Das "typisch polnische Frühstück für 1 Person" besteht aus 2 Rühreiern, einer vielfältigen Wurst-Käseplatte, einem riesigen Teller mit eigenen leckersten Cocktailtomätchen und weiterem Gemüse, sowie zum Nachtisch regionalem extra feinen Honig. Fürstlich, opulent! Ich brauche ja auch Kraft für meine Abenteuer, versichert mir Renata immer wieder.
Während des Fotoshootings mogelt sich eine junge weiße Katze auf deinen Packsack, sie möchte gerne mitfahren. Als Renata sich verscheucht, versteckt sie sich unter dem Schutzblech auf dem Hinterrad. Sie will unbedingt mit!
So sind wir heute bereits kurz nach 9 Uhr auf der Straße - ich muss ja nicht viel packen. Da die Elektronik geladen ist, brauchen wir auch hierfür keine Pause. Lisl, wir fahr'n nach Lodz...

Die Böden sind vollgesogen und nass, die Straßen mittlerweile trocken, die Sonne blinzelt noch ein bisschen. Es ist kühl und Wind verbläst die Luftfeuchtigkeit. Um die Mittagszeit ist es wieder herrliches Fahrwetter, die Regenjacke wandert ins Gepäck.
Nach einer wirren Straßenführung landen wir leider auf einer Schnellstraße / Autobahn. Der dichte Verkehr streßt uns (wir sind verwöhnt von der norwegischen Bummelei), aber dafür leitet uns diese Straße auch schnell wieder von der Großstadt weg. Wir kommen nun häufiger in die Nähe von größeren Städten , manchmal ist die ungeliebte Strecke sogar viele Kilometer lang und wir müssen im Blindflug hinter dicken LKWs fahren. Mein Navi gibt sein Bestes und findet doch immer wieder kleine Sträßchen. Heute sind echte Schmankerl dabei: kurvenreiches schmales und verkehrsarmes Sträßchen durch den finstern Wald und abgelegene Dörfer, alte hohe Birken-und Kiefern-Mischwälder mit moosbedecktem Boden, schattige Alleen zwischen abgeernteten Feldern. Nachdem wir mal eine Abzweigung verpasst haben und nicht zurückfahren wollen, findet sich eine Abkürzung: ein grober Waldweg vorbei am Fischtümpel und einem Garten mit riesigen orangen Kürbissen. Ein großes Schild mit zwei Braunbären bedeutet was???

Um halb vier wird die Lisl gefüttert. Unser Tagespensum ist eigentlich erledigt, aber wir haben noch Lust auf ein paar Kilometer. Die Lisl braucht bei unserem Fahrstil 1/2 l weniger Sprit als sonst!
Kurz vor fünf: das Lager steht - oder besser "hängt". Aufgrund der nassen Wetterprognosen habe ich gestern bei einem "Bunk a Biker" wegen eines Nachtplatzes angefragt, aber er hat bis zum Nachmittag nicht geantwortet. Aber wir haben ja jetzt auch keinen Bedarf mehr: in einem dieser herrlichen alten Fichtenwälder schaukle ich in der schwülen Abendsonne. Die Lisl verteilt ihren ganz eigenen Duft nach Benzin - oh, da habe ich vergessen, den Benzinhahn zu schließen.

Es ist schon beeindruckend, wie schnell die Eindrücke verblassen. Nach dem Besuch bei Chris & Julie habe ich noch lange an sie gedacht, an ihre Lebensplanung und ob oder wie ich etwas dazu beisteuern könnte. Diese Gedanken sind leider schon unter vielen anderen Eindrücken begraben.

Sonntag, 15. September 2024

Wasserscheu

Am späten Abend gab es in der Ferne noch etwas Donnergrollen, ein paar ganz kleine Regentröpfchen sind bei uns aufgeschlagen, aber ansonsten war die Nacht trocken. Auch der Tag verspricht trocken zu werden, so daß ich die ungeliebten Regenklmaotten im Packsack verschwinden lassen kann. Erst gegen halb zehn (die Zeitzonen passen jetzt wieder zusammen) sind wir startbereit - ja, ich bin ein Morgentrödler. Nicht so die Lisl, sie ist immer auf den ersten Drücker startbereit! Brave Lisl! Ein letzter Blick zurück - nichts vergessen?
Die Lisl braucht Frühstück, was aber bei den kleinen Nebenstraßen schwierig wird, die uns das Navi vorgibt. Aber wir sind Glückskinder - prompt kommt eine Tankstelle für Benzin, Wasser und Müllentsorgung.

Ab Perlejewo (kleiner Ort) sieht es schlimm aus. Wiesen und Felder stehen unter Wasser, große Pfützen und jede Menge Schlamm auf der Straße. Hier muss ein Unwetter gewütet haben. Kurz darauf ist unsere Straße gesperrt wegen einer Baustelle. Es ist Sonntag, da ruhen ja bekanntlich Baustellen und diese hier sieht auch nciht allzu lange aus. Sperrschild ignorieren? Ja, da uns ein Auto entgegenkommt, kann man wohl durchfahren. Funktioniert - mit zwei kleinen Sschwierigkeiten. Einen langen Umweg gespart.

Auf einsamen Wegen kreuzen wir durchs flache Land. "Kurven" gibt es nur am Ende von langen Geraden; meist sind es 90 Grad Kurven, die den Äckern folgen. So fühle ich mich am wohlsten - gut eingepackt zwischen Tankrucksack und Gepäckrolle, unter mir das sonore Brummen meiner lieben Lisl.

Um die Mittagszeit braucht mein Laptop Futter - an einer Tankstelle findet sich eine Zweitsteckdose neben dem Kühlschrank. Auch ich gönne mir hier einen sehr leckeren Hamburger, während ich warte bis die Elektronik satt ist. Es ist düster geworden und die ersten Regentropfen fallen - nix wie weg hier! Ha, wir kommen nochmal trocken davon.

Nun folgen wir fast ganz alleine einem kleinen Sträßchen direkt neben der vielbefahrenen Autobahn - schön! Es duftet nach Kläranlage - nicht so schön. Und dann duftet es nach Fichten - schön. Meinem Sitzfleisch wird es ungemütlich - nicht so schön. Es sieht düster aus, der Wetterbericht sagt hier und entlang unserer Route heftigen Regen voraus. Was machen wir denn da? Ich glaub, ich bin wasserscheu geworden! Kann man das auch auf's Alter schieben? "Booking" hilft - ich finde ein günstiges Zimmer in etwa 30 min Entfernung. Die Regenjacke muss ich doch anziehen, aber die Hose spar ich mir in der Hoffnung, dass ich gut genug geschützt bin. Bin ich nicht, aber jetzt ist es sowieso schon zu spät.

Ganz am Ende einer kleinen Straße, am Rande eines Naturschutzgebietes finde ich meine Unterkunft. Eifrig kommt die Dame des Hauses ans große Holztor um mich herein zu lassen. Im strömenden Regen spurtet sie über den Hof und öffnet ein schweres Scheunentor für die Lisl. Sie darf heute Nacht im Trockenen bei Holzduft in der Schreinerei schlafen. Renata, so heißt die sehr nette Hausdame, entschuldigt sich, daß das Zimmer noch nicht fertig ist - ich bin ein "last-minute-Gast". Aber das ist ja gar kein Problem, sie bezieht nur noch das Bett. Ich bin total überrascht! Zu dem Preis (15 € inkl. Frühstück) hätte ich ein einfaches Loch erwartet, aber ich bekomme ein sehr geräumiges Zimmmer mit Sofa und 2 Wänden voller Bücher (meine Tochter wäre begeistert). Es ist super sauber und nett eingerichtet. Renata wundert sich über den Preis, den ich bezahlt habe, booking.com scheint bei der Preisgestaltung ziemlich eigensinnig zu sein. Normalerweise sollte das Zimmer ca.24 € kosten und Frühstück extra. Da habe ich wohl im Lotto gewonnen. Ich biete Renata an, wenigstens das Frühstück extra zu bezahlen, damit sie nicht nur Verlust macht.
Das Gemeinschaftsbad gehört mir alleine, da ich der einzige Gast bin. Ich kann sogar eine Dusche nehmen, wobei zwar schnell warmes Wasser kommt, aber genauso schnell auch wieder kaltes. Und warmes und kaltes...liegt wohl an dem abenteuerlichen Durchlauferhitzer. In der Gemeinschaftsküche stehen Kaffee und Tee zur Verfügung, der Früchtetee schmeckt sogar richtig lecker fruchtig.

Renata warnt mich vor den Überflutungen im Süden bzw. in Tschechien, wovon gerade im Fernsehen bereichtet wird. Ich werde mich informieren und evt. meine Route wieder mal justieren.

Und so residieren wir heute anstatt im Regen: die Lisl in der Schreinerwerkstatt und ich im geräumigen Privatzimmer.

         

Samstag, 14. September 2024

"Sträßle" und ein Verlust

Gestern Nacht gab es noch einige Gewitter mit heftigen Regensüssen, etwas Dauerregen und dann hat es irgendwann aufgehört. Ich habe sehr gut und trocken geschlafen, muss aber heute Morgen das Zelt abtrocknen und den hochgespritzten Sand von den Taschen entfernen. Auf der anderen Flussseite erscheint mit viel Geplapper eine Touristengruppe am gestrigen Angelplatz. Als ich fast mit packen fertig bin,  tauchen auch bei mir 5 fröhlich ratschende Damen auf Wanderung auf. Wir tauschen auf englisch ein paar Worte aus - leider reicht die schmale Rente der reiselustigen Frauen nicht für so eine große Reise wie meine. Sie müssen sich noch etwas dazuverdienen.

Um 9:30 brechen wir auf - tschüß schöner, wilder Platz. Es ist grau und diesig aber trocken. Die ersten 200 m treiben meinen Puls in die Höhe, aber wir haben ja gelernt, wie man ausgewaschene Schotterstraßen hoch fährt: aufstehen, Knie an den Tank, Schwung und den Rest der Lisl überlassen. Toll macht sie das immer noch!
Frühstück gibt es an einer Tankstelle - nicht für die Lisl aber für das Laptop und mich. Hier kann ich auch die gestrigen Bilder hochladen. Der kleine Kakao, den ich mir gönne, ist doppelt so groß wie ein großer in Norwegen und kostet vielleicht ein Drittel. Ich möchte gerne etwas weiter in den Süden, dort warten Berge auf uns, darum passe ich die Route wieder an. Die Navigation will unbedingt eine Ecke nach Norden einbauen, aber auf der Karte gibt es auch einen direkten Weg nach Südwesten. Ach, ich weiß: der direkte Weg ist nicht asphaltiert, darum wird er vermieden. Wir entscheiden uns kurzerhand, wieder ein bisschen "offroad" unter die Räder zu nehmen. Es ist eine breite Straße mit Sand und Schotter, aber es scheint eine Rennstrecke zu sein: Waschbrett vom Feinsten. Arme Lisl! Wir rumpeln dahin und genießen es eigentlich sogar. Es geht Richtung Polen. Ich bin gespannt, wie so eine Grenze am Schotterweg aussieht?

Ein Schild, Verschmälerung und Verschlechterung des Wegs und wir sind in Polen! Schon nach wenigen hundert Metern gelangen wir auf ein gutes kleines Asphaltsträßchen, ein Indikator für unsere heutige Straßenqualität. Auch die Straßen, die laut Karte in Litauen unbefestigt waren, sind hier ahspahltiert. Meistens sogar ganz neu oder in sehr gutem Zusatand. Lediglich einmal fällt auf, dass wir den Bezirk wechseln, denn an der Grenze beginnt schlagartig in miserables Straßenstück. Unsere heutige Strecke verdient schon ein bisschen das Prädikat "kurvig", auch wenn wir weite Strecken über ausgedehntes Flachland fahren. Fahrspaß! Viel Landwirtschaft, hübsche oder überschaubare Dörfchen, kleine oder große Waldstücke, so sieht heute unser Alltag aus.

Ui ui ui - meine seit über 30 Jahren treue und geliebte Trinkflasche ist weg - wo ich doch sowieso zu wenig trinke! Das ist sehr traurig, zumal ich sie in Norwegen schon an einigen Stellen abgedichtet und unterwegs nochmal nachgebessert habe. Die Flaschenhalterung wollte leider ebenfalls schon seit ein paar Tagen nicht mehr mitspielen, weshalb die Flasche auf dem Ersatzteilkoffer eine neue Heimat gefunden hatte. Unterwegs hatte ich heut schon einmal festgestellt, daß sie einen Fluchtversuch unternimmt. Ich vermute, das Wellblech hat sie endgültig verscheucht. "Wo auch immer Du von uns gegangen bist, liebe Flasche, ruhe in Frieden"!

Was es sonst noch zu sehen gibt? Auf den Telegrafenmasten findet sich ab und zu ein Storchennest, die Vögel scheinen aber schon abgereist zu sein. Eine 600 Jahre alte Holzkirche und ein Stadtfest in Tykocin (klingt wie ein Medikament). Es sind einige Buden mit lokalen Köstlichkeiten und Eis aufgebaut. In einem kleinen Supermarkt möchte ich eigentlich nur eine Ersatzflasche kaufen, kann ja gerne etwas drin sein. Eine Milchflasche scheint mir geeignet. Zusammen mit einer kleinen Flasche Wasser, einer Pizzasemmel und einer Nußschnecke zahle ich nur 3,06 €! In Norwegen hätte ich das alleine für die Milch bezahlt, die dann auch noch bitter schmeckt und schnellstens verdorben ist. Diese hier schmeckt herrlich nach Milch!
Vor uns braut sich was zusammen, der Wetterbericht verleugnet Regen, meine Regenmacher-Erfahrung verheißt Anderes. Kompromiß - wir haben Beide recht: die Straße ist naß, aber jetzt regnet es nicht mehr.

Ich habe mal die Gesamt-Reststrecke bis Aschbuch überschlagen und festgestellt, daß wir deutlich zu langsam sind oder zu viele Umwege machen. Daher ist heute das Etappenziel 250 km oder 17 Uhr. Dann ist allerdings nicht mehr viel Zeit für die Schlafplatzsuche. Also bereits vorher konditionieren und nach Gelegenheiten Ausschau halten. Es gibt hier so viele schöne hohe Kiefernwälder, da müßte doch was zu finden sein? Das Problem ist, daß es keine Feld- oder Waldwege oder Einfahrten gibt,wo die Lisl sich platzieren könnte. Also prüfen wir Nebensträßchen von Nebensträßchen und zu guter Letzt biegen wir in eine Sackgasse zu wenigen Häusern ab. Gegenüber einem verlassenen Anwesen zweigt ein Sandweg ab von wo aus wir direkt in einen Kiefernwald schlüpfen können. Ja, so habe ich mir das vorgestellt. Einziger Nachteil ist, kein Waschwasser - aber man kann ja nicht alles haben.

Nachdem ich nun schon etwas Erfahrung mit der Hängematte habe, stoppe ich heute mal die Aufbauzeit: 20 min (inkl. Tarp-Abspannung) sind auf jeden Fall noch zu viel. Bin mal gespannt, wie weit sich das im Lauf der Wochen noch optimieren läßt. Das Tarp hätte ich mir vermutlich sparen können - der Wetterbericht meldet keinen Regen - aber sicher ist sicher...

Freitag, 13. September 2024

Abwechslungsreich im Schneckentempo

Eigentlich wollte ich heute Morgen noch ein Foto von meiner über den Tisch gespannten Hängematte machen - vergessen - das Alter. Es hat in der Nacht gegossen wie aus Kübeln. Gepaart mit etwas Wind und dem stellenweise undichten Dach, waren meine zum Trocknen ausgeleten Klamotte nichtmal im Pavillon sicher. Zum Glück hatte ich beschlossen, die Hängematte aufzuhängen und nicht auf der Luftmatratze auf dem Boden zu schlafen, da wäre ich ordentlich nass geworden.

Es ist niemand zum kassieren da, also brechen wir ungeschoren auf. Es ist zu warm umd mit Regenzeug zu fahren, aber zu naß, um ohne zu fahren. Also bleibt es an. Nordwestlich von uns drohen dunkle Wolken, südlich schimmert die Sonne durch die Wolkendecke. Das Navi funktioniert heute zuverlässig und leitet uns auf einer breiten Straße südwestwärts. Die Luft ist grau und schwer von Sand und Staub, der die Augen verklebt. Baustelle mit Ampelregelung. Eine lange Schlange, meist LKW, zockelt von Ampel zu Ampel. Gefühlt alle 500 m stoppt uns eine rote Ampel,die Wartezeit wird angezeigt: 9 min, 7 min, unbekannt (waren sicher über 10 min), 3 min usw. Wenn der Zähler die 1 heruntergezählt hat, springt er auf 90 Sekunden über - sonderbar. Etwa 30 km geht das so, die Ampeln sind nicht koordiniert und manchmal kommt sogar bei grün ein Baustellen-LKW auf der einzig freigegebenen Spur entgegen. Dann ist guter Rat teuer. "Grün" ist übrigens auch für den Regen das Signal, immer beim losfahren beginnt auch er. Bestimmt wird das mal eine tolle "Autobahn", aber heute ist es nur eine staubige, lehmige Trasse. Nach 3 Stunden (inklusive Mittagspause) haben wir noch nicht einmal 90 km geschafft! Dann werden wir endgültig der Baustelle verwiesen und auf eine Ausweichstrecke geschickt. Hätte ich vorher gewußt, was uns erwartet, hätten wir schon viel früher eine andere Strecke nehmen können. Tja, "wenn"....

An einer Tankstelle kann ich nach einigen Verhandlungen mein Laptop etwas nachladen, das Kabel für die 12-Steckdose ist ja leider hinüber. Nun wird es abwechslungsreicher, sowohl was den Farbahnbelag und die Straßenführung als auch die Landschaft angeht. Gelegentliche sanfte Hügel sorgen für ein paar Kürvchen. Aber es gibt nichts Besonderes oder Spannendes. Außer voll behangenen Apfelbäumen. Ich werde zum Apfeldieb von so kleinen Äpfeln, dass sie bestimmt mit einem Haps gegessen sind.

Der Tacho zeigt nun etwas über 200 km und ich trainiere "Schlafplatz suchen". Entlang der Straßen ist kaum etwas zu finden, aber in der Nähe soll ein Nationalpark sein. Allerdings auf der anderen Seite des Flusses. Es führt aber eine Stichstraße nach Punia und danach anscheinend noch kleinere Wege ein Stück weiter. Probieren wir. 13% Gefälle, steinig und tief ausgewaschene Spuren? Das kann nicht der richtige Weg sein. Wir nehmen den ebeneren Lehmweg und enden schließlich an einem kleinen Hof. Ein junger Mann wartet gar nicht, bis ich gesendet habe, sondern kommt gleich auf mich zu. Englisch ist ok. Doch, sagt er, der abshüssige Weg führt hinunter zu einem kleinen Bootsplatz, da verweile gelegentlich mal Camper. Ist schön dort und mit der Lisl machbar. Na schauen wir mal - wir haben solche Wege ja schon gefahren, aber da waren wir noch jünger. Langsam und vorsichtig tasten wir uns hinunter, kommen an steilen Wanderwegen mit Treppen in eine Schlucht vorbei und landen tatsächlich am Flußufer. Nach etwas umgucken finden sich auch 2 passende Bäume.

Die Koje hängt. Ich möchte mal nach dem Wetterbericht schauen, was der Regen macht und setze mich dazu in die Hängematte. Peng -sitze ich auf dem Boden! Ein Gurt ist gerissen. Meine Koje selbst ist heil geblieben, nur einer meiner eigenen Gurte war wohl schon zu altersschwach. Er wird durch einen Originalgurt ersetzt. Das Wetter spricht von Regen und Gewitter, also spanne ich diesmal das Überzelt ab. Ich geh noch zum Fluss, (Wasch)wasser holen, da knallt schon ein Donner so laut, daß ich mich ordentlich erschrecke. Packtaschen zu, Stiefel eingepackt, Tankrucksack unters Vordach und schon fängt es an zu regnen. Soweit alles nach Plan, aber dann mag ein Häring nicht im Boden bleiben und es schüttet gerade in Sturzbächen. Hilft nix - ich muss raus und verwende den Wassereimer als Ankerpunkt. Nicht perfekt, aber den schlimmsten Guß hält er ab. So richtig behaglich ist mir nicht....

Am gegenüberliegenden Ufer der Memel steht schon die ganze Zeit ein Angler, der scheint absolut wasserfest zu sein. Er rührt sich nicht vom Fleck! Nach einiger Zeit läßt der Guss nach und geht in sanften Dauerregen über - äh, nur kurz, bis der nächste heftige Schauer niederprasselt und es blitzt und donnert.

Donnerstag, 12. September 2024

Wetterbedingte Routenanpassung

Ich habe geschlafen wie ein Stein, bis nach halb 10 Uhr! Una mit der Kleinen ist noch im Haus, die Anderen sind schon alle unterwegs. Sie bereitet mir ein gutes Frühstück und wir unterhalten uns noch angeregt. Ich erzähle unter Anderem, wir ich, die weltbeste Rgenmacherin, gerade jedes Regengebiet umgehe, sozusagen antizyklisch zum Regen unterwegs bin. Gepackt ist diesmal schnell, dann breche ich auf. Es ist 10 Uhr - wie kann das sein? Wir hatten doch keine Zeitumstellung? Ah...wir haben die Zeitzone gewechselt. Meine Gedanken brauchen heuge etwas länger, um mit auf die Reise zu gehen. Sie verweilen noch eine Zeitlang bei meinen Gastgebern und natürlich in der Vergangenheit, die wir ausgekramt haben.

Gut gefüttert, frisch geduscht und ausgeschlafen folgen wir Alwins Empfehlung, Riga nördlich vom See zu umfahren. Es gibt viel Verkehr, insbesondere Schwerlast. Dafür ist der Schilderwald nicht mehr so dicht. Eine Zeitlang geht alles gut, wir fahren am nördlichen Ufer der Dina Richtung Osten. Irgendwann kommt mir aber mein Navigationsgerät jedoch seltsam vor: es weist oft in die entgegengesetzte Richtung, heißt uns abzubiegen, wo gar keine Wege sind, will uns 20 m im Kreis über Feldwege locken usw. Ich denke mal, es liegt an den zugrundeliegenden Karten. Außerdem ist es schwierig abzuschätzen, welche Auffahrt auf eine Autobahn man nehemen muss, um in der richtigen Richtung herauszukommen. Die Ortsnamen sind mir so fremd und unlesbar, dass ich sie auch schnell wieder vergesse. Mittlerweile haben wir die Dina überquert und fahren das Südufer entlang. Oft scheint sie gar kein Fluß sonder ein riesiger See zu sein. Weite Buchten, sandige Strände und vor allem breite Schilfgürtel säumen ihre Ufer. Beste Bedingungen zur Mückenzucht, das sehen wir an der Brille und Lisls Scheinwerfer.

Gegen 13 Uhr möchte ich mal absteigen. Ein kleiner Laden lädt zum Einkaufen ein, auch wenn ich gar nichts brauche. Apfelsaft, 1 Pfirsich und ein großer Keks sind immer was Feines. Dahinter ist ein riesiger Platz, eine Schule und Bänke. Die Pause nutze ich, um meine Lebensmittel zu checken - einige sind bereits verdorben und ich muss sie entsorgen. War eben in Norwegen noch zu viel im Kühlschrank. Zum Ende unserer Pause fängt es an zu tröpfeln, darum schließe ich vorsichtshalber alle Luken. Passt - es wird grau und nieselt sich ein, auf der holprigen Straße bilden sich Pfützen. Das Karma schlägt zurück. Auf dem Navi schlägt mir jetzt ständig Google seine Hilfe vor - meine größte Hilfe wäre es, wenn Google einfach die Klappe halten würde! Scheint so, als ob das Regenwasser selbständig mein Handy bedienen würde. Die Großwetterlage sagt, dass das Regengebiet von Südosten herzieht, also lassen wir die Ecke nach Osten aus und drehen mehr nach Süden ab. Die Taktik scheint aufzugehen, nach einiger Zeit wird es heller und etwas weniger nass. Dafür landen wir nun auf einem Lehmweg - na das wird eine Sauerei geben! 30 km insgesamt darf die Lisl im Matsch spielen, dann nähern wir uns Litauen und landen wieder auf Asphalt. Leider war die Trockenzeit nur von kurzer Dauer. Es ist ca. 15 Uhr, wir haben schon weit über 200 km auf dem Tacho, also können wir so langsam das heutige Ende einleiten.

Ich weiß nicht warum, ich fahre nie auf Campingplätze, aber hier folge ich einem Schild dorthin. Vielleicht weil ich hoffe, in der Nähe passende Bäume zu finden? Es kommt viel besser! Ein steiles Sträßchen führt die wenigen Meter hinunter zum See. Ein Fußballplatz, ein Volleyballplatz, ebene Stellplätze und hölzerne Pavillons mit Sitzgarnituren tauchen auf. Alles leer. Scheint geschlossen zu sein. Das Rezeptionshäuschen ist abgesperrt und die Steckdosen und Lampen stromlos. Der Badesee ist natürlich offen! Ebenso eine Feuerstelle vor ein paar schönen Bäumen. Spontan entscheiden wir uns für einen Pavillon, aber leider muss auch hier die Lisl draußen bleiben. Na ja, vielleicht spült ihr der Regen wieder den Lehm von den Zylindern? Auf einem Schild sind die Preise zu lesen: Pavillon, Zelt, Auto je 5€, Person 3€. Hängematten und Motorräder stehen nicht auf der Preisliste, ha ha ha.

Mir fällt auf, dass die Häuser aus sehr unterschiedlichen Materialien gebaut werden. Von einfachen "Bretterbuden" über feste Sandsteinmauern und verputzte Ziegelgebäude bis hin zu häßlichen Betonklötzen oder Wellblechwänden ist fast alles vorhanden.

Tierisch: Heute Morgen, noch ganz in der Nähe von Riga sind uns 3 Rehe über den Weg gesprungen, dann hat am Mittag ein Storch am Wegrand sein Gefieder geputzt, ein paar Hunde haben uns beobachtet oder wollten um die Wette laufen und hier gibt es Enten, Frösche, Muscheln, Seerosen und natürlich Schnaken. Villeicht muss ich die Hängematte doch aufhängen? Nur wegen dem Moskitonetz. Es regnet sich wieder ein und für die Nacht wird "heftiger Regen" angesagt.

Mittlerweile sind auch ein paar kleinere Reparaturen nötig, die aber mit Klebeband oder Sekundenkleber erledigbar sind. Sekundenkleber! Super! Der klebt vor Allem den Deckel auf die Tube! Hm - und jetzt? Vielleicht kann man die Tube von hinten öffnen? Aber auch dort ist der Kleber eingetrocknet. Bei meinen Öffnungsversuchen entseht ein kleines Loch, zu dem jetzt unkontrolliert Kleber ausläuft. Sicher, einiges davon landet an der richtigen Stelle, einiges aber auch an den Händen und leider auch auf der guten Hose.